Interview mit Adrian Piper von Agata Waleczek*

„Die Unterschrift ist ein Ausdruck der Identität des Menschen. Wenn sie seine Unzuverlässigkeit beweist, sabotiert er auch sich selbst.“ - Adrian Piper

Adrian Piper: The Probable Trust Registry: The Rules of the Game #1-3, 2013-2017 | Installation + Group Performance: 3 graue raumhohe Wände, 3 runde goldene Tresen, goldene Reliefbuchstaben, 3 Lesepulte, 3 Stehhilfen, Computersystem, 3 Rezeptionsten (pro Tresen eine Person), Format variabel | Detail: The Rules of the Game #2 | Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / David von Becker. Sammlung Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie. 2016 Schenkung der Freunde der Nationalgalerie. © Adrian Piper Research Archive Foundation Berlin. © APRA Foundation Berlin

Agata Waleczek: Sie geben eigentlich keine Interviews. Ich war überrascht, als Sie zusagten. Warum geben Sie jetzt eines?

Adrian Piper: Wegen der besonderen Bedeutung und Konsequenzen von The Probable Trust Registry ( TPTR). Das erste Mal, als die Arbeit 2013 in New York ausgestellt wurde, gab es überhaupt keine öffentliche Reaktion. Dann 2015 in Venedig wurde ähnlich darüber geschwiegen. Sogar nachdem das Werk den Goldenen Löwen gewonnen hatte, wurde fast nichts über TPTR selbst geschrieben. In meiner Erfahrung bedeutet die Sprachlosigkeit des Publikums, dass das Werk ein ungewohntes Gebiet des menschlichen Geistes anspricht, für das die passende Denkart noch nicht gefunden wurde. Finden wir sie vielleicht durch den Dialog. Also an die Arbeit!

AW: In The Probable Trust Registry können die Besucher Verträge mit sich selbst unterzeichnen, in denen sie sich freiwillig zu ethischem Handeln verpflichten. Sie werden Teil einer Gemeinschaft, in der man einander vermutlich vertrauen kann. Was war Ihr Anliegen bei dieser Arbeit?

AP: TPTR setzt sich mit dem Hauptproblem der menschlichen Gemeinschaft auseinander, sowohl innerhalb einer Gesellschaft als auch auf globaler Ebene: nämlich wie Stabilität mit Gerechtigkeit vereinbar ist. In autoritären Diktaturen bekommt man Stabilität, aber keine Gerechtigkeit. Demokratien bieten Gerechtigkeit, aber werden immer mit demselben Problem konfrontiert, das in den traditionellen Gesellschaftsvertragstheorien von Hobbes, Locke, Rousseau, Kant, Hegel, Rawls und Habermas bearbeitet wird: Wenn alle zustimmen, bestimmten Regeln zu folgen, aber einer entscheidet, die Regeln zu brechen, um seinen Eigeninteressen zu folgen (der „Schwarzfahrer“), dann darf jeder andere auch so wählen. Je mehr Menschen diese Wahl treffen, desto weniger vertrauenswürdig und zuverlässig werden sie im Schnitt und desto weniger stabil, gerecht und friedlich wird die Gesellschaft. Schließlich scheitert sie an sich selbst. Wir sehen gerade viele internationale Beispiele hierfür: Verletzungen der Waffenruhe in den Verhandlungen mit Syrien, Russlands Besitznahme der Krim, der Widerstand gegen gerechte Flüchtlingsverteilung innerhalb der EU, Trumps „America First“-Maßnahmen und so weiter. Aber das wesentliche Problem ist überall gleich, egal ob die Gemeinschaft ein Staat, eine Gruppe von Staaten, eine Firma, eine Institution, eine Abteilung, ein Freundeskreis oder eine persönliche Beziehung ist.

AW: Wo liegen die Wurzeln dieses Problems?

AP: Traditionell wird dieses Problem in der Spieltheorie nur als Koordinationsdilemma unter Akteuren betrachtet, als wäre die Überlegung, wie gegensätzliche Interessen beigelegt werden können, rein strategisch. Aber dieser Blick übersieht die Frage, inwieweit die Akteure selbst dazu bereit wären, eine stabile und gerechte Gesellschaft an sich zu wählen. Diese Möglichkeit ist in der traditionellen Spieltheorie nicht zu Alternativen anordbar. Wenn die Akteure nicht die Alternative haben, eine stabile Gesellschaft und die Mittel dazu zu wählen und dementsprechend zu agieren, ist es meiner Meinung nach wahrscheinlicher, dass sie den gemeinsamen Regeln nicht folgen, „Schwarzfahrer“ werden, und die Gemeinschaft scheitern lassen. TPTR schlägt eine Lösung für dieses Problem vor: Man macht sich zu einem Menschen, der nie die Wahl trifft, Eigeninteresse vor Stabilität und Gerechtigkeit in der Umgebung zu stellen. TPTR bietet jedem öffentlich die Möglichkeit, Vertrauen in sich selbst zu entwickeln und sich gleichzeitig als vertrauenswürdig in einer Gemeinschaft von anderen vertrauenswürdigen Menschen darzustellen. Der Prozess fängt mit dem Individuum an, verbreitet sich zwischen anderen Individuen, die eine Gesellschaft aufbauen, und noch weiter unter anderen Gesellschaften, die gemeinsam einen internationalen Verein aufbauen. Umfassende gesellschaftliche Stabilität und Gerechtigkeit ist das lange noch nicht. Aber TPTR bietet jedem einen konkreten und praktischen Weg, sie allmählich und langfristig zu verwirklichen. Jeder kann dazu beitragen, in jedem Moment und mit jeder Handlung.

AW: Sie sind als politische Konzeptkünstlerin und Philosophin bekannt und kommen aus New York. Haben Sie auch wegen der aktuellen Situation in den USA ein neues Bedürfnis, mit Worten an die Öffentlichkeit zu treten?

AP: Leider nicht. Ich war zwar verzweifelt, als Trump gewonnen hat, aber nicht überrascht. Die Tendenzen, die ihn zum Sieg gebracht haben und ihn nun weiter ermutigen, seinen Wahnsinn zu treiben, habe ich lange in der amerikanischen Gesellschaft kommen sehen. Deshalb bin ich ausgewandert.

AW: Wie fühlen Sie sich gerade?

AP: Ich bin sehr froh, in Deutschland zu wohnen. Das feiere ich jeden Tag.

AW: Glauben Sie, die Besucher der The Probable Trust Registry-Ausstellung halten sich auch später an ihr Versprechen?

AP: Manche ja, manche nein. Manche werden es ausprobieren und schnell aufgeben, während andere es als ernsthafte persönliche Praxis annehmen. Unter denen, die schnell aufgeben, werden manche das als Vorwand nutzen, um weiter an Täuschung und Betrug teilzunehmen, während andere, von dieser Lebensart satt, zu den Spielregeln von TPTR zurückkehren werden. Wie man auf TPTR reagiert, hängt von vielen Faktoren ab: ob die Umgebung stabil genug ist, dass Erwartungen möglich sind und erfüllt werden können, was für persönliche Erfahrungen man mit Verantwortung und Ehrenwort gemacht hat, wie viel Zuversicht man in seine Fähigkeit hat, sich verantwortlich zu verhalten, wie wichtig es einem ist, glaubhaft sich selbst und anderen gegenüber zu sein und so weiter. Viele dieser Eigenschaften können kultiviert und beigebracht werden. Daher ist eine Ausbildung, von vornherein, auf jeder Ebene und in jedem Fach, sehr, sehr wichtig. Mangel an Bildung macht die Aufgabe schwieriger, aber lange nicht unmöglich.

AW: Warum entscheidet sich der Mensch Ihrer Meinung nach zum Regelbruch?

AP: Zum Beispiel nehmen wir an, man schließt einen Werkvertrag ab, dass man eine bestimmte Leistung für einen bestimmten Lohn erbringen wird. Aber in der Arbeitsumgebung erbringt jeder seine Leistung nur dann, wenn er zusätzlich bestochen wird. Das heißt, jeder verstößt gegen seinen Werkvertrag. Wenn man nicht mitmacht, wird man von den anderen bestraft und könnte sogar seinen Job verlieren. Wenn man mitmacht, kriegt man zwar ungerechtfertigt Geld und die Unterstützung der Kollegen, aber verliert einen Teil seiner Selbstachtung. Noch ein Beispiel: Die Leistung, für die man einen Lohn bekommen soll, ist körperlich unmöglich. In dieser Variante erbringt keiner die abgemachte Leistung, aber lässt sich trotzdem den Lohn bezahlen. Wieder verstößt jeder gegen seinen Werkvertrag. Wer beim Vertragsbruch nicht mitmacht, untergräbt die Kollegen, wird bestraft und kriegt keinen Lohn. Wer mitmacht, kriegt Geld und die Unterstützung der Kollegen, aber verliert wieder einen Teil seiner Selbstachtung. Nun, ich persönlich bin großer Fan der Rosa Parks-Verfahrensweise bei der Sozialreform: Tun Sie einfach was richtig ist, egal was die anderen tun oder drohen. Lehnen Sie ungerechtes Geld ab und finden Sie sich mit den Konsequenzen ab.

AW: Das ist in der Praxis manchmal schwer umsetzbar.

AP: Das ist nur dann leicht zu befolgen, wenn man keine Familie zu ernähren hat. Was dann? Dann hängt es vielleicht davon ab, wie viel man schon gespart hat, wie gut man investiert hat, was für eine Lebensart man finanzieren muss, ob der/die PartnerIn auch arbeitet oder nicht, wie viele Nebenjobs man kriegen kann, wie viele andere berufliche Fähigkeiten man hat, wie gut vorbereitet man ist, um sich für andere Jobs zu bewerben und so weiter. Im besten Fall (wenn man unter solchen Umständen davon sprechen kann), ist man gut in seinem Fach ausgebildet und hat daher andere Arbeitsmöglichkeiten, so dass man es sich leisten kann, eine korrupte Arbeitsumgebung zu verweigern. Wenn die Bedingungen einer Gesellschaft ausschließen, Korruption freiwillig abzulehnen, ist die Gesellschaft selbst auf dem besten Weg zu scheitern.

AW: Hat der Glaube an die Macht der Unterschrift nicht etwas Magisches an sich? Verträge kann man ja brechen.

AP: Stimmt. Aber dabei schadet man auch seinem Gewissen, seinem Selbstbegriff als ehrliche und zuverlässige Person, und natürlich seinem Ruf bei anderen Menschen – hier besonders bei den anderen Unterzeichnern des TPTR-Verzeichnisses. Das nächste Mal wird man als weniger vertrauenswürdig angesehen werden und wird härter arbeiten müssen, um das Vertrauen der anderen zu gewinnen. Die Unterschrift ist ein Ausdruck der Identität des Menschen. Wenn sie seine Unzuverlässigkeit beweist, sabotiert er auch sich selbst. Keine Perspektive zu haben, bedeutet genau das: keine Fähigkeit, sich eine Zukunft vorzustellen, in der man die langfristigen persönlichen Konsequenzen seiner Handlungen erlebt. Aber man wird sie trotzdem erleben.

AW: Welches Versprechen haben Sie mal gebrochen und warum?

AP: Geflissentlich habe ich alle gebrochenen Versprechen vergessen. Aber allgemein bin ich sehr vorsichtig mit Versprechen, sowohl mir selbst als auch anderen gegenüber. Ich verspreche nur dann etwas, wenn ich zuversichtlich sein kann, es einzulösen. Wenn es sich ergibt, dass ich etwas nicht einhalten kann, versuche ich, es wieder gut zu machen. Künstler werden oft als verrückt, beliebig, unzuverlässig und unverantwortlich angesehen. Gegen diese Stereotypen kämpfe ich ständig, indem ich mir Mühe gebe, mich gegenteilig zu verhalten. Der Kampf gegen die Versuchung, Eigeninteresse vor Stabilität und Gerechtigkeit zu stellen, fällt mir nun mit 68 Jahren viel leichter. Denn ich kenne die Konsequenzen. Ich will mich ja nicht verachten.

AW: In Zeiten von „alternativen Fakten“ scheint Unehrlichkeit salonfähig geworden zu sein. Hat The Probable Trust Registry für Sie 2017 eine andere Bedeutung als 2015, als Sie auf der Biennale in Venedig den Goldenen Löwen dafür erhielten?

AP: Eigentlich nicht. Ich würde sagen, der Begriff der „alternativen Fakten“ selbst ist neu und daher modisch. Aber was er versucht, nämlich Unehrlichkeit zu vertuschen, ist nicht neu. Vorher haben wir diesen Angriff auf die Wahrheit allgemein Spin oder Damage Control genannt. Der Ausdruck „Alternative Facts“ dient als neues Beispiel für diesen alten Schwindel. Das, worauf er hinweist, nämlich weit verbreitetes Lügen, ist zeitlos. TPTR kämpft um eine nähere und gesündere Beziehung zur Wirklichkeit.

AW: Sie haben Ihr Leben lang gegen Rassismus und Ignoranz gekämpft. 2012 haben Sie sich öffentlich vom Schwarzsein zur Ruhe gesetzt. Was muss jetzt passieren, damit die USA sich nicht zurückentwickeln?

AP: „Zurückentwickeln“? Was sollte der Fortschritt gewesen sein, von dem die USA nun zurückfallen könnten? Ohne Rassismus hätten die USA keinen Ursprung und keine Grundlage. Fortschritt können sie nicht leisten.

AW: Hat die Bürgerrechtsbewegung Ihrer Meinung nach denn gar nichts verbessert?

AP: Juristisch doch. Aber praktisch sehr wenig. Dass es jetzt forcierte Quotenmenschen wie mich zum Beispiel gibt, nenne ich kaum einen Fortschritt, auch wenn das mir persönlich einen Vorteil verschafft hat. Rassisten können immer eine Rechtfertigung für ihren Rassismus erfinden, egal was die Gesetze vorschreiben oder die Wirklichkeit verlangt. In der amerikanischen Geschichte gibt es zirka jede 20 bis 25 Jahre Rassenkämpfe, -rebellionen und -randalen, das heißt mehr oder weniger einmal pro Generation, auch schon vor der Gründung der Republik. Die ist auch ein Teil der Grundlage der USA.

AW: Sie sagten einmal „the power of art is unlimited for social change“. Was erhoffen Sie sich in diesem Zusammenhang von der künstlerischen Elite in Ihrem Land?

AP: Ich erhoffe mir von der ganzen Kunstwelt, dass jeder sich aufgrund eigener Erfahrungen mit Ungerechtigkeit direkt und konkret mit sozialen Problemen auseinandersetzen wird.

AW: Sie haben Ihren Doktor in Harvard gemacht. 1987 wurden Sie die erste afroamerikanische Philosophieprofessorin in Daueranstellung. Fühlen Sie sich in Ihrer Exzellenz manchmal vom Rest der Menschheit abgeschottet?

AP: Nein, ganz im Gegenteil. Mir ist völlig klar, wie viel Glück ich hatte, diese Ausbildung und diese beruflichen Gelegenheiten zu bekommen und zudem die Motivation und Zuversicht zu haben, um zu wissen: Ich habe sie verdient. Ich bin äußerst dankbar dafür, Arbeit zu haben, die ich liebe. Aber ich mache mir nicht vor, ich sei deswegen wesentlich anders als die Krankenschwester, der Bauer, der Beamte oder der Lehrer. Jeder von uns hat etwas beizutragen. Der einzige Unterschied ist: Wenn ich meine Arbeit nicht mache, ist es egal. Wenn sie ihre Arbeit nicht machen, bricht die ganze Gesellschaft zusammen.

AW: 34 Jahre haben Sie an dem philosophischen Werk Rationality and the Structure of the Self geschrieben. Was hat Sie motiviert, nicht einfach alles hinzuschmeißen?

AP: Philosophie basiert auf einer bestimmten rigorosen Methode des Denkens und der Analyse. Für mich ist es eine sehr spannende und vergnügliche Herausforderung, eine neue Idee gemäß diesen Methoden vollständig und konsistent zu artikulieren, anstatt sie bloß spontan weg zu plappern. Diese Spannung – „Schaffe ich diese Schlussfolgerung?“ … „Schaffe ich dieses Argument?“ … „Schaffe ich dieses Kapitel?“ … „Schaffe ich Band II?“ – hat mich durch all die Jahre begleitet. Ganz am Ende, als mir aufgefallen ist: Ich habe das alles doch geschafft!!!, war ich außer mir vor Freude und voll von Dankbarkeit den Menschen und Umständen gegenüber, die es mir ermöglicht haben, das Projekt zu vollenden. Warum hätte ich es hinschmeißen sollen, wenn es mir so viel Spaß gemacht hat?

AW: Welche Rolle hat Yoga dabei gespielt?

AP: Yoga ist eine Weise, die ich gefunden habe, mich selbst zu bestimmen, sowohl geistig als auch körperlich. Es bietet eine ganz konkrete Art, das Denken zu trainieren und die Aufmerksamkeit zu verstärken. Das hat mir beim Schreiben an Rationality and the Structure of the Self sehr geholfen, fokussiert auf mein Ziel zu bleiben. Zum Beispiel, sich nicht durch äußere Umstände davon abbringen zu lassen, umfassend zu recherchieren, Texte und Argumente sorgfältig zu analysieren. Aber es gibt viele andere Praxen aus anderen Traditionen, die für andere passender wären, die die gleiche Wirkung haben können. Zum Beispiel, könnte ich jedem empfehlen, den 26. Psalm auswendig zu lernen.

AW: Was steht darin?

AP: Lesen Sie es doch!

AW: Werden Sie auch in Zukunft in Berlin wohnen?

AP: Immer! I am a jelly donut. (Anm.: jelly donut = Berliner, Pfannkuchen)

AW: Woran arbeiten Sie gerade?

AP: An meinem Buch über die Beziehung zwischen Kants Kritik der Reinen Vernunft und seiner Grundlegung zur Metaphysik der Sitten.

AW: The Probable Trust Registry wurde inzwischen für die Sammlung der Nationalgalerie angekauft. Ab dem 24. Februar wird sie in Ihrer ersten musealen Einzelausstellung in Deutschland im Hamburger Bahnhof präsentiert. Wenn Sie Ihre Arbeiten an jedem beliebigen Ort der Welt zeigen könnten, wo würden Sie ausstellen wollen?

AP: Gerade dort!

AW: Worauf vertrauen Sie?

AP: Mich selbst, Gott sei Dank.

* Dieses Interview erschien in gekürzter Fassung in der Tageszeitung "Die Welt" am 13. März 2017.